DOCUMENTA KASSEL 16/06-23/09 2007

Lunch Lecture Review: Über kuratorische Methoden - Universalistische Fresken, bedeutende Statements und große Ausstellungen

documenta 12 magazines, 12. Juli, 13:00 Uhr, documenta 12 Halle

Foto: Julia Fuchs
Die documenta Magazine hatten vier ihrer kooperierenden Redakteure eingeladen, kuratorische Methoden und große Ausstellungen, insbesondere mit Blick auf die documenta 12, zu diskutieren. Die Panel-Teilnehmerin Lisette Lagnado hat die 27. São Paulo Biennale mit dem Titel „How to live together“ (nach Roland Barthes) kuratiert, mit der sie auch versucht hatte, nationale Repräsentationen zu vermeiden – wie die documenta 12.

Ist es aber mit einer Ausstellung möglich, eine Erzählung herzustellen, ohne lokale Kontexte zu berücksichtigen? Für Lagnado ergeben sich aus dem Gang durch die Ausstellung oder dem Durchblättern des Kataloges zwei verschiedene Statements. Pablo Lafuente unterstreicht ihren Eindruck der dekontextualisierten Kunst in der Ausstellung. Die diesjährige Venedig-Biennale habe einen Kanon der Kunstgeschichte bestätigt, wirft Charles Esche ein, und zwar die Kunstgeschichte, wie sie vom New Yorker Museum of Modern Art geschrieben wird. Dazu muss angemerkt werden, dass Robert Storr, künstlerischer Leiter der 52. Venedig-Biennale, auch Kurator am Museum of Modern Art ist. documenta 12 hingegen habe diesem „globalen Autoritätsstempel“ aus amerikanischer Perspektive etwas entgegengesetzt. Lafuente zählte Geschichten auf, die von documenta 12 geschrieben werden, darunter eine feministische, eine osteuropäische und eine südamerikanische Kunstgeschichte.


Victor Misiano hat die Biennalisierung der Kunstszene aus anderer Perspektive erfahren. Nach Moskau kamen die internationalen KuratorInnen zum „hunting heads“. Zurzeit würde eine Debatte über die Repräsentation der eigenen Geschichte geführt. Auch an Skulptur Projekte Münster ließe sich diese Tendenz gerade ablesen. Dort würde die eigene Ausstellungsgeschichte mit nostalgischem Blick reflektiert. Warum wird aber Modernismus nicht als soziale Utopie aufgefasst? In den 1990er Jahren habe der kommunikative Aspekt von Kunst eine große Rolle gespielt. Kunstmuseen waren in den 1990er Jahren im Abseits. Kuratoren von Großausstellungen versuchten gegenwärtig, diesen Widerspruch zu überwinden, indem sie die Ausstellung selbst in ein großes einziges Kunstwerk verwandeln – „wir sehen keine individuellen Arbeiten, sondern eine große Arbeit und das ist die documenta 12“. Esche erkennt in der kuratorischen Setzung einerseits formale und andererseits eine humanistische Ausrichtung. Die Ausstellung sei eine „Lernmaschine“. Aus der Tatsache, dass weder im Katalog noch in der Ausstellung ein Text der KuratorInnen zu finden ist, schließt Charles Esche, dass die Ausstellung selbst als Text gelesen werden muss. Das Politische komme erst im Schlachthof in die Ausstellung, das sei der ausschlaggebende Punkt. Dort sei zum Beispiel in der Videoinstallation „Them“ (2007) von Artur Żmijewski das Ende einer humanistischen Absicht als „schöne Zerstörung“ zu sehen. Costinas fragte nach, was er von diesem Ausschluss dezidiert politischer Arbeiten halte, die Videoinstallation „9 Scripts from a Nation at War“ sei schließlich auch außerhalb der eigentlichen Ausstellungsräume, nämlich im diskursiven Teil der documenta Halle zu sehen. Esche sagt ganz klar, dass der Ausschluss natürlich ein selbst produzierter sei. Warum denn Bildung nicht als politische Frage verstanden würde, will eine Frau aus dem Publikum wissen. Lagnado stimmt ihr zu, dass Bildung ein politisches Instrument ist, ihr war es auch im Zusammenhang mit der Biennale wichtig. Cordula Daus von den documenta 12 magazines fragte die Panel-TeilnehmerInnen, wie sie das Verhältnis zwischen den verschiedenen Organisationsformen der documenta 12 im Vergleich zu den Plattformen der documenta 11 wahrnehmen, wo die Ausstellung die fünfte Plattform darstellte. Für Lafuente blieb es beim Auslagern von Kritik in die Magazine – die Kritik habe nicht in die Ausstellung gefunden. Esche aber sieht es genau anders: Es sei der Versuch die Kritik zu integrieren, darin sehe er ein großzügiges Moment. Rike Frank aus dem documenta Team meldete sich aus dem Publikum, sie habe von vielen KünstlerInnen gehört, dass es für sie außergewöhnlich war, nicht nur nach Kassel eingeladen zu werden, sondern die Themen schon in der Vorbereitung mit ihren lokalen Magazinen zu teilen.


Eine Podiumsdiskussion mit Pablo Lafuente (Afterall, Los Angeles), Charles Esche  (Afterall, London), Lisette Lagnado (trópico, São Paulo) und Victor Misiano (Moscow Art Magazine, Moskau) über die Ziele und Grenzen von groß angelegten kuratorischen Unternehmungen, mit besonderer Aufmerksamkeit auf die documenta 12. Moderiert von Cosmin Costinas (documenta 12 magazines).




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