DOCUMENTA KASSEL 16/06-23/09 2007

Review: Lunch Lecture - Reflektionen über postkommunistische Zustände

documenta 12 magazines, 10. Juli, 13:00 Uhr, documenta 12 Halle

Nachdem Cosmin Costinas, Moderator der Lunch Lecture und Koredakteur der documenta 12 magazines, die Runde vorgestellt hatte, kommentierte Hedwig Saxenhuber, Kuratorin und Mitherausgeberin der Zeitschrift springerin, erst einmal, wie sie jetzt in das Programm passe, wo sie doch aus Wien kommt und das einigen komisch vorkommen könnte.

Foto: Julia Zimmermann

Saxenhuber hat sich als Kuratorin und Autorin seit den späten 1990er Jahren mit den osteuropäischen Kunstszenen beschäftigt, und das nicht nur von Wien aus. Als sie noch Anfang der 1990er Jahre für den Münchner Kunstverein gearbeitet hatte, gab es keinen Diskurs über die postkommunistischen Zustände – ein Diskurs übrigens, der in Deutschland auch später nicht geführt worden sei, in Wien hingegen schon. In der hohen Beteiligung von Künstlern und Künstlerinnen aus postkommunistischen Ländern steckt für sie ein wichtiges Zeichen für Normalisierung des Verhältnisses zwischen ost- und westeuropäischer Kunst(geschichte). Sasa Janjic, Redakteur des Belgrader Magazins Remont, differenziert aus seiner Perspektive zwischen den aktuellen Situationen in Polen, Russland oder Ex-Jugoslawien. Die Kontexte künstlerischer Repräsentationen variierten stark, abhängig von kuratorischen Konzepten. Costinas greift den für ihn doppeldeutigen Begriff der Normalisierung wieder auf und gibt ihn an Victor Misiano vom Moscow Art Magazine weiter. Da ist er richtig – Misiano sagt, wenn er Normalität höre, denke er an Stabilisierung und möchte den Begriff sofort dekonstruieren. Nach acht Jahren Putin nehme die Armut immer mehr zu, von Normalisierung könne einfach nicht die Rede sein. Aus der Sicht von documenta hingegen stimmte er der Zuschreibung zu, „da ist es normal”, Kunst aus Osteuropa zu zeigen, denn die Kunst habe sich inzwischen etabliert. Andere documenta Leiter hingegen seien nicht nach Russland gereist. Catherine David, Leiterin der documenta X, wollte erst das Ende des Transformationsprozesses abgewartet haben. Okwui Enwezor, Leiter der nachfolgenden documenta, behandelte Globalisierung als zentrales Thema, und die sei schließlich in Asien auf faszinierendere Weise zu verfolgen als in Osteuropa, wie Misiano vermutet. Schon Boris Groys, der das Forschungsprojekt „The Post-Communist Condition” geleitet hatte, habe ihn zu der Zeit am Telefon gewarnt: „Victor, sie vernachlässigen unser Recht auf Modernität.” Stattdessen habe eine Ethnifizierung des Ostens stattgefunden. Aber nicht nur der Westen habe eine Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit verweigert, auch sie selbst hätten ihre eigenen Erfahrungen negiert. Sofort hatten sie sich für den Kapitalismus entschieden. Fünfzehn Jahre später seien aber Zweifel aufgekommen und es setzte die Phase ein, die Misiano als „progressive Nostalgie” versteht. Ohne Auseinandersetzung mit dem Vergangenen könne es auch keinen Fortschritt geben, daher sei es eine wichtige Aufgabe, die Kunstgeschichte neu zu schreiben und nicht etwa dem existierenden westlichen Kanon ein paar für gut befundene Arbeiten des sozialistischen Realismus hinzuzufügen. Sonst sei der „Osten nur das Gewissen des Westens”. Als Saxenhuber nachhakte, Misiano möge doch seinen Standpunkt verdeutlichen, wollte er sich keinem lokalen Kommunismus zuordnen. Vielmehr liege für ihn die Nostalgie in der Zuwendung zu den Wurzeln des Kommunismus. Ein Herr im Publikum kritisierte, dass Nostalgie doch kein produktives Konzept sei, da es immer von bestimmten Generationen oder Nationen abhänge und daher eher eine Implosion auslösen könne. Doch Misiano blieb dabei: Nostalgie formuliere nach der Amnesie in den 1990er Jahren eine konstruktive Beziehung zur Zukunft.  

Mit Victor Misiano (Moscow Art Magazine, Moskau), Sasa Janjic (Remont, Belgrad), Maren Lübbke-Tidow (Camera Austria, Graz) und Hedwig Saxenhuber (springerin, Wien), moderiert von Cosmin Costinas (documenta 12 magazines).

Vera Tollmann