
Lunch Lecture Review: Amar Kanwar – Bild und Bildung – The Lightning Testimonies
Als der documenta 12 Künstler Amar Kanwar über seine Arbeit The Lightning Testimonies sprach, betonte er eingangs vor allem die mühevolle Suche nach „seinem“ Publikum sowie nach Sinn und Bedeutung der Bilder. Darüber hinaus bat er um eine externe Betrachtung seines Werkes, weshalb im Anschluss drei weitere geladene Gäste die Arbeit reflektiert und ihre unterschiedlichen Annäherungen und Perspektiven dargelegt haben: Gregor Luft, Mitarbeiter des Technikteams der documenta 12, der den Aufbau der Videoinstallation betreut hat sowie Sharon Lerner und Hansel Sato, zwei documenta 12 KunstvermittlerInnen aus Peru und Österreich.
Zentral für Kanwars Arbeit sind die Erfahrungen von Frauen mit sexueller Gewalt. So wurden u.a. im Jahr 1947 im Zuge politischer Unruhen durch die Spaltung des indischen Subkontinents in das muslimische Pakistan und das hinduistische Indien 75.000 Frauen entführt und misshandelt. The Lightning Testimonies fragt nach Wegen, solche traumatischen Erlebnisse im Bild zu materialisieren und eine „Sprache“ dafür zu finden. Es erkundet die Möglichkeit, ein Bild als Erinnerung zu schaffen und zu zeigen, auf welche Weise sich die Menschen mit Gewalterfahrung über Traumata und deren Darstellung hinaus an einen Ort der Reflektion und des Verständnisses bewegen können. Die Geschichten und Schicksale erzählt Amar Kanwar mit Hilfe unterschiedlicher Formate – in Form von Fakten, in Form eines Gedichts, eines Liedes, einer Theaterperformance, vor allem aber in poetischen Bildern – wie einem Baum, einem blauen Fenster oder Blättern. Die Poesie dieser Bilder soll es möglich machen, Geschehenes zu verstehen und einen Zugang zu finden.
Zentral für Kanwars Arbeit sind die Erfahrungen von Frauen mit sexueller Gewalt. So wurden u.a. im Jahr 1947 im Zuge politischer Unruhen durch die Spaltung des indischen Subkontinents in das muslimische Pakistan und das hinduistische Indien 75.000 Frauen entführt und misshandelt. The Lightning Testimonies fragt nach Wegen, solche traumatischen Erlebnisse im Bild zu materialisieren und eine „Sprache“ dafür zu finden. Es erkundet die Möglichkeit, ein Bild als Erinnerung zu schaffen und zu zeigen, auf welche Weise sich die Menschen mit Gewalterfahrung über Traumata und deren Darstellung hinaus an einen Ort der Reflektion und des Verständnisses bewegen können. Die Geschichten und Schicksale erzählt Amar Kanwar mit Hilfe unterschiedlicher Formate – in Form von Fakten, in Form eines Gedichts, eines Liedes, einer Theaterperformance, vor allem aber in poetischen Bildern – wie einem Baum, einem blauen Fenster oder Blättern. Die Poesie dieser Bilder soll es möglich machen, Geschehenes zu verstehen und einen Zugang zu finden.

- Foto: Isabel Winarsch/documenta GmbH
Amar Kanwar sprach über die Produktion von The Lightning Testimonies, Voraussetzungen und Genese seiner Videoinstallation und berichtete von seinen Erfahrungen, die er in der Auseinandersetzung damit gemacht hat. Voran stellte er zwei wesentliche Fragen, die für die Entstehung des Kunstwerks elementar waren: Wie kann man mit einer solchen Brutalität umgehen, wie kann man sie ins Bild setzen? Und welche Formen, welche Worte, welche Bilder, welches Vokabular findet man, um dies zu erzählen?
Was er gelernt habe, sei vor allem, wie unterschiedlich Individuen und Gesellschaften Vergangenheit bewältigen. Viele verdrängen, manche schreiben, manche singen und manche zeichnen, erzählte er. Und auch wenn Opfer schweigen, bedeute das nicht, dass die Traumata nicht existieren. Metaphorisch gesprochen, sagte er, enthalte das „Fenster“ die Geschichte - das blaue Fenster benutzt er deshalb als ein „Bild“ in seiner Arbeit. Solche „Bilder“ müssen das Potenzial haben, für viele, unbekannte Leben zu stehen. Außerdem habe er begreifen müssen, dass Erfahrungen und Erzählungen über traumatische Erlebnisse zu verschwinden scheinen, da es keinen wirklichen Ort für sie gebe. Einen solchen Ort schafft die Installation, deren „Bilder“ nun also als Speicher des Narrativen dienen, als ein Ort, wo verschiedene, individuelle Geschichten und Erfahrungen zusammenfließen.
Eine besonders intensive Erfahrung, die er gemacht habe, sei die Möglichkeit, auf eine schöne Weise über Schmerz zu reden bzw. ihn in sehr ästhetische Bilder zu überführen. Dies manifestiere sich vor allem in dem Bild der webenden Frau, die die schmerzvolle Geschichte in roten Stoff einwebt. Amar Kanwar betonte dabei die Art, wie sie darüber sprach. Dadurch habe er begriffen, dass es nicht nur eine schmerzhafte Erfahrung sei, sondern dass es auch einen Weg der Bewältigung gäbe.
Was er gelernt habe, sei vor allem, wie unterschiedlich Individuen und Gesellschaften Vergangenheit bewältigen. Viele verdrängen, manche schreiben, manche singen und manche zeichnen, erzählte er. Und auch wenn Opfer schweigen, bedeute das nicht, dass die Traumata nicht existieren. Metaphorisch gesprochen, sagte er, enthalte das „Fenster“ die Geschichte - das blaue Fenster benutzt er deshalb als ein „Bild“ in seiner Arbeit. Solche „Bilder“ müssen das Potenzial haben, für viele, unbekannte Leben zu stehen. Außerdem habe er begreifen müssen, dass Erfahrungen und Erzählungen über traumatische Erlebnisse zu verschwinden scheinen, da es keinen wirklichen Ort für sie gebe. Einen solchen Ort schafft die Installation, deren „Bilder“ nun also als Speicher des Narrativen dienen, als ein Ort, wo verschiedene, individuelle Geschichten und Erfahrungen zusammenfließen.
Eine besonders intensive Erfahrung, die er gemacht habe, sei die Möglichkeit, auf eine schöne Weise über Schmerz zu reden bzw. ihn in sehr ästhetische Bilder zu überführen. Dies manifestiere sich vor allem in dem Bild der webenden Frau, die die schmerzvolle Geschichte in roten Stoff einwebt. Amar Kanwar betonte dabei die Art, wie sie darüber sprach. Dadurch habe er begriffen, dass es nicht nur eine schmerzhafte Erfahrung sei, sondern dass es auch einen Weg der Bewältigung gäbe.

- Foto: Isabel Winarsch/documenta GmbH
Einer der ersten, der sich mit der Arbeit auseinandergesetzt hat, war der Techniker Gregor Luft. Eine Arbeit zu installieren, bedeute, sie immer wieder anzuschauen, erklärte er und schilderte, wie er sich während des Aufbaus dem Werk immer mehr annäherte und fasziniert war von den Details hinter den Fakten, mit denen Amar Kanwar es schafft, Geschichten zu erzählen. Als erstes habe er nur ästhetische Bilder wahrgenommen, ohne zu wissen, worum es eigentlich geht. Das funktioniere so für die ersten Sekunden. Dann werde man jedoch hart hineingeworfen. Der intensive Schmerz der Arbeit sei unerwartet hart und trotzdem nicht so, dass man davor die Augen schließen wolle. Auf drei Ebenen werde gearbeitet, erzählt er: Erstens werde gezeigt, wie Geschichten von Generation zu Generation weitergegeben und so zum Teil kollektiver Erinnerung werden, zweitens wie auf eine abstrakte, artifizielle Weise mit Erfahrungen umgegangen wird – wie etwa in der Theaterumsetzung – und drittens schaffe man eine Art von Bildung, die helfen soll, dass sich solche Dinge nicht wiederholen.
Ein Bild hat ihn dabei am stärksten beeindruckt: Frauen, die gegenüber eines militärischen Stützpunktes protestieren. Bis dahin habe man all die individuellen Geschichten gesehen, nun aber bekomme man einen emotionalen Zugang zum Protest. Nach all den Bildern vorher, sei man so emotional involviert, dass man den Schmerz in den Gesichtern, die Wut, vor allem aber die Kraft, die dahintersteht, fühlen könne.
Die beiden KunstvermittlerInnen dagegen sprachen über die Bedeutung der Arbeit vor dem Hintergrund, dass auch Peru eine gewaltvolle, junge Geschichte hinter sich habe. Zwischen 1980 und 2000 kam es dort immer wieder zu bewaffneten Konflikten zwischen Staat und der terroristischen Gruppierung Sendero Luminoso. Mehr als 70.000 Menschen starben in dieser Zeit. Die Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen wurden kaum öffentlich diskutiert, die Bevölkerung nie darüber aufgeklärt, wie viele Menschen tatsächlich umgekommen sind. Erst durch die 2001 ins Leben gerufene Kommission für Wahrheit und Versöhnung wurden die Menschen mit der Vergangenheit konfrontiert. Durch „public hearings“ und eine damit verbundene Ausstellung wurde die Geschichte rekonstruiert. Zeitzeugen sprachen über ihre schmerzvollen Erlebnisse und zwangen die Menschen zum Zuhören und Nachdenken. Die Ausstellung schuf mit ihren Bildern aus über 80 Archiven einen visuellen Weg zur Geschichte, ließ die Erinnerung neu entstehen. Sharon Lerner betrachtet diese Form von Erinnerung als einen Weg zur Verarbeitung und Heilung.
Hansel Sato berichtete weiterhin von den Schwierigkeiten, die er in seinen Führungen habe, das Werk zu erklären, ohne emotional involviert zu werden. Einige Besucher seien geschockt von den Bildern, manche böse. Andere wollen gar nicht über das Gesehene reden. Kanwars Arbeit sei relevant für alle, sagte er – überall, unabhängig vom Land oder der Sprache. Die große Frage, die er sich stellte, war, was mit der Arbeit nach der documenta 12 passieren soll. Seiner Ansicht nach gehört sie gewissermaßen nicht mehr dem Künstler, sondern jedem von uns.
Claudia Jentzsch
Ein Bild hat ihn dabei am stärksten beeindruckt: Frauen, die gegenüber eines militärischen Stützpunktes protestieren. Bis dahin habe man all die individuellen Geschichten gesehen, nun aber bekomme man einen emotionalen Zugang zum Protest. Nach all den Bildern vorher, sei man so emotional involviert, dass man den Schmerz in den Gesichtern, die Wut, vor allem aber die Kraft, die dahintersteht, fühlen könne.
Die beiden KunstvermittlerInnen dagegen sprachen über die Bedeutung der Arbeit vor dem Hintergrund, dass auch Peru eine gewaltvolle, junge Geschichte hinter sich habe. Zwischen 1980 und 2000 kam es dort immer wieder zu bewaffneten Konflikten zwischen Staat und der terroristischen Gruppierung Sendero Luminoso. Mehr als 70.000 Menschen starben in dieser Zeit. Die Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen wurden kaum öffentlich diskutiert, die Bevölkerung nie darüber aufgeklärt, wie viele Menschen tatsächlich umgekommen sind. Erst durch die 2001 ins Leben gerufene Kommission für Wahrheit und Versöhnung wurden die Menschen mit der Vergangenheit konfrontiert. Durch „public hearings“ und eine damit verbundene Ausstellung wurde die Geschichte rekonstruiert. Zeitzeugen sprachen über ihre schmerzvollen Erlebnisse und zwangen die Menschen zum Zuhören und Nachdenken. Die Ausstellung schuf mit ihren Bildern aus über 80 Archiven einen visuellen Weg zur Geschichte, ließ die Erinnerung neu entstehen. Sharon Lerner betrachtet diese Form von Erinnerung als einen Weg zur Verarbeitung und Heilung.
Hansel Sato berichtete weiterhin von den Schwierigkeiten, die er in seinen Führungen habe, das Werk zu erklären, ohne emotional involviert zu werden. Einige Besucher seien geschockt von den Bildern, manche böse. Andere wollen gar nicht über das Gesehene reden. Kanwars Arbeit sei relevant für alle, sagte er – überall, unabhängig vom Land oder der Sprache. Die große Frage, die er sich stellte, war, was mit der Arbeit nach der documenta 12 passieren soll. Seiner Ansicht nach gehört sie gewissermaßen nicht mehr dem Künstler, sondern jedem von uns.
Claudia Jentzsch